Stipendium?

Krieg ich sowieso nicht! 

oder doch?

Die Hemmung, sich für ein Stipendium zu bewerben, ist bei den meisten immer noch groß. Ein Einser-Abi müsse man dafür haben oder ein Genie in Informatik sein, alleinerziehende hochbegabte Mutter oder Migrantenkind mit Musiktalent – solche Vorbehalte verkennen, dass derzeit in Deutschland fast 60 000 Studierende eine Förderung durch ein Stipendium genießen, und zwar Menschen aus allen Schichten, mit unterschiedlichsten Notendurchschnitten und Begabungen. Wichtig bei der Bewerbung um ein Stipendium ist vor allem eines: dass man genau weiß, warum und wo man sich bewirbt, und dass man selber überzeugt ist, mit dem eigenen Projekt, dem eigenen Berufsziel oder der eigenen Biografie förderungswürdig zu sein. Wenn man das herausgefunden hat, gibt es für fast jeden wirklich Interessierten die passende Förderung. Der Weg dorthin ist zwar durchaus mühsam, aber er lohnt sich – denn die Förderung geht bei den meisten Stipendien weit über einen finanziellen Zuschuss hinaus.

Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über Stipendienangebote und eine Orientierung darüber, wie, wann und wo man sich am besten bewirbt.

Das Universelle: das Deutschlandstipendium

Das 2010 ins Leben gerufene Deutschlandstipendium ist Teil der bildungspolitischen Kampagne der Bundesregierung und soll der Grundstein für den Aufbau einer Stipendienkultur in Deutschland sein. Gefördert werden begabte und leistungsstarke Studierende aller Fächer an den staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland. Neben überzeugenden Noten sollen bei der Vergabe des Deutschlandstipendiums auch gesellschaftliches Engagement und besondere persönliche Leistungen berücksichtigt werden – etwa die erfolgreiche Überwindung von Hürden in der eigenen Bildungsbiografie.

Das Besondere am Deutschlandstipendium: Es wird je zur Hälfte vom Bund und von privaten Förderern getragen, die die jeweiligen Hochschulen anwerben. Gezahlt werden insgesamt 300 Euro pro Monat, ebenso wichtig ist aber die durch die Verknüpfung von Hochschule und Wirtschaft entstehende Vernetzung der Bildungslandschaft mit dem gesellschaftlichen und ökonomischen Umfeld.

Gefördert werden leistungsstarke Studierende unabhängig von ihrer sozialen Herkunft und dem Standort ihrer Hochschule. Wichtiger als herausragende Noten ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich gesellschaftlich zu engagieren. Um sich zu bewerben, prüft man zunächst auf der Homepage des Deutschlandstipendiums (www.deutschlandstipendium.de), ob die eigene Hochschule am Programm beteiligt ist. Generell können alle staatlichen und staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland am Programm teilnehmen. Im positiven Falle muss man sich dann bei der Hochschule erkundigen, welche Zugangsvoraussetzungen für das Stipendium hier gelten und wie das Bewerbungsverfahren gestaltet ist. Viele Hochschulen haben eine eigene Website mit Informationen zum Deutschlandstipendium. Die Bewerbung mit den geforderten Nachweisen wird dann in der Regel über ein Online-Portal eingereicht, die Fristen legt wiederum jede Hochschule selbst fest.

An jeder Hochschule, die beim Deutschlandstipendium mitmacht, gibt es einen oder mehrere Ansprechpartner, die gern beraten und Auskünfte geben. Überdies gibt es auch eine Hotline für wichtige Fragen  (0201 8401-188)  und eine Übersicht zu den üblichen FAQs auf deutschlandstipendium.de.

Der Klassiker: Begabtenförderung

Insgesamt gibt es in Deutschland zwölf staatliche Begabtenförderungswerke. Das bekannteste ist vielleicht die Studienstiftung des deutschen Volkes, die potenziell Interessierte gern mit den auf ihrer Homepage formulierten hohen Ansprüchen beeindruckt. Exzellente Noten, herausragendes Engagement, berufliche Zielsetzung Richtung Nobelpreis – so scheint es manchem Interessierten, der sich verschreckt zurückzieht. Dabei gilt für die Studienstiftung das Gleiche wie für andere Begabtenförderungswerke auch: Natürlich werden diejenigen gefördert, die sich positiv von der Masse abheben, die ihr Studienfach mit Leidenschaft und Kreativität verfolgen und kritisches Denken mit wissenschaftlicher Neugier verbinden.

Das gleiche gilt übrigens für nichtstaatliche Begabtenförderungswerke, die von Privatpersonen oder Wirtschaftsunternehmen getragen werden. Das Interesse daran, dass der Bewerber in Studium und Beruf sehr erfolgreich ist, ist nur legitim, und die meisten Institutionen schauen neben den guten Leistungen vor allem auch darauf, ob der Bewerber sich inhaltlich mit Leitideen und Werten des Förderungswerks identifiziert. Für die Heinrich-Böll-Stiftung beispielsweise wären das gesellschaftliches Engagement und aktive Auseinandersetzung mit Themen wie Ökologie und Nachhaltigkeit, Demokratie und Menschenrechte; die Rosa-Luxemburg-Stiftung begrüßt den Einsatz für soziale Gerechtigkeit und die Freiheit kritischen Denkens, während das evangelische Studienwerk Villigst eine grundlegende Verankerung des Bewerbers im christlich-protestantischen Kontext erwartet.

Nicht immer übrigens gibt der Name Aufschluss darüber, wer bevorzugt oder überhaupt gefördert wird: Die Stiftung der deutschen Wirtschaft beispielsweise fördert Studierende und Promovierende aller Fachbereiche und bietet daneben sogar noch ein spezielles Förderprogramm für Lehramtsstudierende an.

Die Alternativen: kleine Stiftungen und „private“ Förderer

Wer sich an die offiziellen Begabtenförderungswerke nicht herantraut oder ganz bestimmte Talente hat, der tut sehr gut daran, sich an kleine Stiftungen, Stiftungen aus Kunst oder Wirtschaft oder „private“ Institutionen zu wenden, wobei hinter letzteren meist große (Familien-)Unternehmen stehen. Hier wird begabter Nachwuchs aus Fachbereichen gefördert, die zum Unternehmen passen, und gern werden die dadurch hochqualifizierten Arbeitskräfte dann auch moralisch und manchmal monetär an das Unternehmen gebunden: Im Programm von ThyssenKrupp müssen Stipendien zurückgezahlt werden, wenn der Geförderte nach seinem Studium nicht bei diesem Unternehmen arbeitet.

Viele Hochschulen haben eigene Förderprogramme für begabte und leistungsstarke Studenten, das reicht vom Erlass der Studiengebühren bis zur finanziellen und ideellen Unterstützung unter anderem durch Netzwerke. Solche Angebote können hochschul-, aber auch länder- oder sogar kommunenspezifisch sein, hier erkundigt man sich am besten direkt bei den Hochschulen oder bei professionellen Beratern.

Neben den Stiftungen, bei denen die Leistung im Mittelpunkt steht, gibt es aber auch diejenigen, die gezielt bestimmte Gruppen unterstützen wollen: Kranke oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen, Waisen, Alleinerziehende oder Menschen mit Migrationshintergrund können solche Zielgruppen sein, aber es gibt auch Programme, die gezielt bestimmte Regionen oder Fächer durch finanzielle und ideelle Förderung unterstützen.

Originellste Alternative zu den zwölf staatlichen Begabtenförderungswerken ist vielleicht das Demokratische Stipendium, das unabhängig von allen einschlägigen Kriterien vom Verein Absolventa e. V. vergeben wird. Es bekommt derjenige, wer von der Internet-Gemeinde per Abstimmung gewählt wird; die Bewerbung muss ein im Internet veröffentlichtes Video, ein Text oder eine Präsentation dessen sein, wozu das Geld benötigt wird. Dafür gibt es dann immerhin bis zu 5000 Euro.

Früh übt sich: Stipendien für Schüler

Nicht erst nach dem Abi wird die Frage nach möglicher Förderung interessant. Bereits für Schüler ab der 1. Klasse (!) gibt es Möglichkeiten, finanzielle und vor allem ideelle Unterstützung zu bekommen – für Projekte wie ein kleines Forschungsvorhaben, aber auch langfristig im Rahmen eines Mentoring-Programms. Achtung: Schulpolitik ist Ländersache, deshalb sind viele Förderprogramme bundeslandspezifisch ausgerichtet bzw. nur in jeweils einem Bundesland verfügbar.

Wichtig, genau zu prüfen, an wen sich das jeweilige Programm richtet: Das (bundesländerübergreifende!) Schülerstipendium Roland Berger beispielsweise fördert sozial benachteiligte begabte Schüler von Klasse 1 bis 12 bzw. 13, dabei bekommt der Geförderte einen passgenauen Förderplan, ein Netzwerk an Mentoren und bei Bedarf finanzielle Zuschüsse.

START wiederum ist ein Stipendium für alle mit Migrationshintergrund, Talent im Land richtet sich an Schüler, deren Eltern besonders wenig verdienen oder arbeitslos sind. Interessant sind für Schüler vor allem auch solche Angebote, die sich nach Interessen oder Hobbys ausrichten: Junges Ehrenamt fördert diejenigen, die sich in Vereinen (fast) jeder Art engagieren, die Stiftung Deutsche Sporthilfe fördert Talente, die zum Bundeskader eines Spitzenverbands einer Sportart gehören (übrigens auch noch im Studium). Auch IT-Talents richtet sich nicht nur, aber auch an Schüler, die gute Ideen zur Entwicklung der IT-Branche haben; Pfad-Finder ist ein Angebot der Uni Witten-Herdecke für diejenigen, die in dem Jahr nach dem Abi etwas „ganz anderes“, aber Sinnvolles tun wollen – mit einer Initiative oder einem kleinen Forschungsprojekt.

YFU schließlich fördert das Auslandsjahr während der Schulzeit und ist dabei offener als das originelle ZIS-Programm, das Reisepläne mit einmaligen 600 Euro fördert, sofern man mindestens vier Wochen allein unterwegs sein möchte und dabei komplett aufs Fliegen verzichtet.

Besser spät als nie: Stipendien für Berufstätige

Wer bereits im Berufsalltag integriert ist und vielfältige Erfahrungen in seinem Fachgebiet gesammelt hat, überdenkt gelegentlich einen Wechsel oder eine Spezialisierung – sei es, um beruflich weiter aufzusteigen, sei es, um Aspekte der eigenen Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt Berufserfahrene mit zwei Förderprogrammen: dem Weiterbildungsstipendium und dem Aufstiegsstipendium. Das Weiterbildungsstipendium richtet sich an Absolventinnen und Absolventen beruflicher Ausbildungen. Mit einem Weiterbildungsstipendium können drei Jahre lang fachliche oder fachübergreifende Weiterbildungsmaßnahmen finanziert werden.

Das Aufstiegsstipendium wiederum soll ein zusätzlicher Anreiz sein, noch nach dem Abschluss einer Berufsausbildung und möglicherweise auch nach einigen Jahren Berufserfahrung ein Studium aufzunehmen. Bewerben können sich Interessierte, die in Ausbildung und Beruf hoch motiviert sind und herausragende Leistungen erbringen. Es richtet sich auch an Personen, die keine Hochschulzugangsberechtigung erworben haben, und ein Studium ohne Abitur anstreben.

Mit beiden Förderprogrammen soll die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erhöht und die Idee lebenslangen Lernens in die Praxis umgesetzt werden.

Bewerben, aber wie? Doʼs and Dontʼs

Grundsätzlich kann man sich bei fast allen Stiftungen inzwischen selbst bewerben, sogar bei der Studienstiftung des deutschen Volkes, die lange Zeit nur Vorschläge von Schulleitern und Hochschullehrern entgegennahm. Unbedingt sollte man sich vor einer Bewerbung ganz genau darüber informieren, welche Einrichtung für das eigene Projekt oder die eigene Biographie die Richtige ist, dabei sollte eine genaue Auseinandersetzung mit Leitbild, Erwartungen und Angeboten des Förderwerks der erste Schritt zur bzw. noch vor der Bewerbung sein.

Üblich ist dann die schriftliche Bewerbung mit Zeugnis und Lebenslauf. Manche Stiftungen verlangen Gutachten, viele ein Motivationsschreiben., Das bedeutet für viele Bewerber die erste große Herausforderung denn es gibt dafür kaum Vorgaben. Im Kern ist das Motivationsschreiben dem Anschreiben bei einer Jobbewerbung nicht unähnlich: Der Bewerber stellt sich und seine besonderen Fähigkeiten vor und setzt sie in Relation zu den Erwartungen des Adressaten. Daher ist ein solcher Text sehr individuell, grundsätzlich sollte aber deutlich werden, warum der Bewerber überhaupt ein Stipendium haben möchte oder braucht, und warum er sich genau bei dieser und keiner anderen Stiftung oder Einrichtung bewirbt. Also Vorsicht: Von gleichzeitigen Bewerbungen bei mehreren Institutionen ist abzuraten!

Ganz wichtig ist es dann, die potenziellen Förderer davon zu überzeugen, dass und weshalb man ein geeigneter Bewerber ist. Hier sollte nicht nur „heruntergebetet“ werden, was an Anforderungen auf der Homepage steht, sondern individuelle Erfahrungen, einschneidende Erlebnisse oder grundlegende Überzeugungen knapp, aber eindrücklich geschildert werden.

Wer diese schriftliche Bewerbungshürde nimmt, auf den wartet in der Regel ‒ insbesondere in der Begabtenförderung – die zweite Runde eines breiter angelegten Auswahlverfahrens. Hier wollen die Vertreter der Stiftung die Kandidaten in der Regel persönlich kennen lernen. Gespräche, Diskussionsrunden und/oder Kurzvorträge, manchmal auch Klausuren oder Essays werden verlangt. Hier überzeugt in der Regel, wer klare Vorstellungen hat: Sowohl Brüche oder Defizite in der eigenen Biografie können hinterfragt werden als auch Ziele und Pläne für die Zeit während und nach dem Studium. Fachwissen wird, außer bei Promotionsstipendien, selten abgeprüft, wichtiger sind methodische und soziale Kompetenzen und die Frage, ob der Kandidat in der Lage ist, sich selbst ebenso wie allgemeine Sachverhalte kritisch zu reflektieren, eine eigene Position sachlich und argumentativ stark zu vertreten, ein Teamplayer ist und sich auch für ihm fernerliegenden Themen zu engagieren bereit ist.

Da die Mitglieder solcher Prüfungskommissionen in der Regel viel Erfahrung haben und manchmal auch psychologisch geschult sind, gilt hier: grundsätzlich bei der Wahrheit bleiben. Falsche Bescheidenheit ist genauso wenig am Platz wie Prahlerei; wer keine Ahnung von französischer Literatur hat, sich aber hervorragend mit moderner Musik auskennt, kann ruhig seine Stärke in den Vordergrund stellen und zugleich zugeben, dass Französisch eben einfach eine schwierige Sprache ist.

Die Bewerbungsfristen sind von Einrichtung zu Einrichtung unterschiedlich. Der ohnehin unerlässliche Blick auf die Homepage bringt aber auch in dieser Hinsicht immer Klarheit.

Der Stipendienlotse

Wer jetzt motiviert und ermutigt ist, sich um ein Stipendium zu bewerben, aber immer noch nicht ganz sicher ist, an wen er sich am besten wendet, der kann auf der Seite www.stipendienlotse.de des Bundesministeriums für Bildung und Forschung relativ zielgenau herausfinden, wo er oder sie sich mit den besten Chancen bewirbt. Das allerdings ist nur der erste Schritt. Entscheidend ist, sich vor der Bewerbung auch über eigene Stärken und Schwächen, Interessen und Ziele klarzuwerden. Hier hilft eine professionelle Beratung besser als jeder Selbstversuch, und so erhöhen sich auch die Chancen auf eine erfolgreiche Bewerbung erheblich. Denn egal, ob Auswahlgespräch, Assessment Center oder Motivationsschreiben: Die kritische und ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst und eine möglichst genaue Vorstellung erster beruflicher Zielsetzung überzeugen potenzielle Geldgeber am meisten davon, dass die Investition in den Kandidaten oder die Kandidatin nachhaltig und – gesellschaftlich und ökonomisch gesehen – sinnvoll ist.

Extere Links und Sites:

www.deutschlandstipendium.de

www.arbeiterkind.de

www.sueddeutsche.de/bildung/begabtenfoerderungswerke-vergeben-stipendien-geld-gibts-nur-fuer-die-besten-1.1289036

www.sueddeutsche.de/bildung/foerderung-fuer-begabte-und-beduerftige-wer-vergibt-stipendien-fuers-studium-1.1284701

www.bmbf.de/de/das-deutschlandstipendium

studieren.de/stipendien

By | 2018-01-18T19:35:06+00:00 10. Juli 2017|Ratgeber|0 Kommentare

About the Author:

Hinterlassen Sie einen Kommentar